Geschichten zur Weihnacht

Weihnacht 2007  Schuß

Tatsache ist, daß Olli lautlos zu weinen begann und seiner Frau sagte, das Leben habe im Grunde keinen Sinn mehr, und daß er sich aus der Welt schaffen müsse mit dem alten Revolver von Opa Heinz, der aber immer noch funktioniere, und das sicherheitshalber im Keller, und so, daß die Kinder ihn nicht zufällig finden, weil sie doch kein Blut sehen könnten, und die ganze Sache auch nicht kapieren.

Seine Frau erwiderte todmüde und erschöpft: “Das mußt du jetzt wissen.”
Olli ging also in den Keller, mit der Waffe von Opa Heinz, und schloß vorsichtshalber die Tür hinter sich ab. Es war ganz still im Haus.

Das passierte, als seine Frau den Tannenbaum in den Ständer einpaßte. Von diesem Moment an wartete sie auf den Schuß. Sie zitterte unentwegt, brabbelte wirres Zeug, rauchte gleichzeitig vier Zigaretten und sprach zuweilen mit Menschen, die gar nicht da waren. Sie war schroff zu den Kindern, schnauzte sie an, schrillte gar, sie sollten sich gefälligst selbst etwas zu essen machen, obwohl diese Kinder viel zu klein waren. Und auf die Frage, wo Papa denn sei, schrie sie: “Weiß ich nicht. Im Himmel, oder in der Hölle, oder dazwischen, ist doch egal.”

Sie ahnte, daß Olli das im Keller sehr ernst meinte. Er hatte vor fünf Monaten seine Arbeit verloren und ihr nichts davon gesagt. War Tag für Tag zur Arbeit gefahren, hatte die endlosen Stunden bei Therese in Nachtsheim verbracht, sich betrunken  und mit ihr Liebe gespielt. Bis er sturzbesoffen am hellen Tag durch einen Vorgarten in ein Haus bretterte - ausgerechnet am Zweiten Adventssonntag. Das mit den monatlichen Raten für das Haus hatte er anfangs auch gefingert, wobei er seine Lebensversicherung für beschämend wenig Geld aufgelöst hatte. Er lieh sich hin und wieder Bares bei Leuten, die er kannte. Er hatte all diese Gelder immer seiner Frau gegeben und nicht gewußt, daß sie längst alles wußte. In dieser kleinen Welt gab es einfach keine großen Geheimnisse.

Sie zündete den Baum an, sie bescherte die Kinder, sang die alten Lieder, sie ließ sie toben und wartete auf den Schuß. Dann lagen die Kinder im Bett, dann setzte sie sich auf die Treppe neben der Kellertür und trank Rotwein aus der Flasche, bis sie einschlief. Sie wachte auf und dachte erschreckt, daß sie den Schuß möglicherweise verschlafen habe, aber das konnte nicht sein in diesem hellhörigen Haus. Am ersten Weihnachtstag gingen die Kinder frühmorgens zur Oma, und sie setzte sich wieder auf die Treppe, um auf den Schuß zu warten. Und sie sprach mit ihrem Mann, vollkommen lautlos und immer wieder, und sie weinte viel und bat ihn inständig, sich nicht zu töten, das sei doch so schrecklich nutzlos, und im Übrigen auch verdammt feige. Dann rief sie die Oma an und bat, die Kinder möchten dort bleiben, sie habe sehr viel  Wichtiges zu erledigen und wolle dabei nicht gestört werden.

Dann setzte sie sich wieder auf die Treppe neben der Kellertür. Sie rechnete aus, wie weit von ihrem Mann entfernt sie lebte. Sie kam auf sieben bis acht Meter. Es mußte kalt sein dort unten und öde und trostlos, und sie fragte sich, wo er wohl saß. Vor dem Brenner neben dem Öltank? Und auf was saß er eigentlich? Ein Stuhl war da nicht, vielleicht ein Stapel Altpapier. Es war totenstill. Und er war ziemlich genau seit achtundzwanzig Stunden da unten.
Er kam nach 36 Stunden hinauf, er hatte ein ganz ruhiges Gesicht. Sie nannte das immer seine Faß-mich-nicht-an Miene. Sie wählte den Mittelweg, sie sagte leicht rotweingefärbt: “Fröhliche Weihnachten, Arschloch!”

 

Weihnacht 2006  Licht

Ich brauche jede Menge Licht!” erklärte Manni.
“Also, den großen Schlitten mit den Elchen davor, viermal. Dann brauche ich sechsundfünfzig Meter Lichterkette, gib mir zweiundsiebzig. Dann die große Lichtleiter, auf der der Weihnachtsmann an der Hauswand hochklettert, zweimal. Den Lichtervorhang von der Dachrinne runter brauche ich zweimal auf sechzehn Meter Länge, und einmal auf acht Meter Länge für den Balkon. Dann den Weihnachtsmann, wie er im Schornstein verschwindet, zweimal. Dann noch drei, vier rote Fliegenpilze für den Vorgarten. Und schickt mir die Rechnung.”
Sie packten ihm die Sachen in den Hänger, und er fuhr heim.
“Da ist ein Brief von der Bank”, sagte seine Frau.
Die Bank teilte mit, die Kredite seien des längeren nicht bedient worden und das laufende Konto stehe nicht mehr zur Verfügung.
“Was schreiben sie denn?” fragte seine Frau. “
“Sie wünschen Frohe Weihnachten”, erwiderte Manni.
“Wo sind denn die Kinder?” -
“Na, in der Schule”, antwortete seine Frau. “Was machen wir mit denen?” -
“Mal gucken”, murmelte Manni. “Ich bin drau´ßen, mache die Weihnachtsbeleuchtung.”

Die vier Schlitten mit den Elchen kamen in den Vorgarten und hinter das Haus auf die Wiese. Es sah phantastisch aus. Der Giebel im Norden bekam ein Stück Lichterkette, das wirkte schon festlich.

Dann kam Schorsch von nebenan vorbei und fragte nach den tausend Euro, die er Manni vor einer Ewigkeit geliehen hatte.
“Wenn ich hier fertig bin”, versprach Manni.
Seine Frau kam und fragte: “Was koche ich denn Weihnachten?”

Manni stand oben auf dem Dach.
“Halbe Hähnchen”, bestimmte er. “Oder Tiefkühl-Pizza, oder irgendwas, was wir noch haben.”

Dann kam Mahlers Luise vorbei und fragte, warum er die letzten vier Raten für das Auto nicht bezahlt habe.
“Kommt alles noch”, murmelte er. “Keine Angst!” -
“Ich habe keine Angst”, sagte Luise fröhlich. “Ist doch dein Auto.”

Der Weihnachtsmann, wie er im linken Schornstein verschwand, war einfach eine Wucht.

“Du hast die Hausversicherung jetzt schon dreimal nicht überwiesen”,  sagte Klaes Karl aus dem Vorgarten. -

“Mach ich gleich”, nickte Manni.

Er stürzte ab, als er den Weihnachtsmann am rechten Schornstein montierte. Er hatte den brennenden Weihnachtsmann in der Hand, rutschte die Dachschräge kopfüber mit höllischer Geschwindigkeit runter, kriegte den Lichtervorhang an der Dachrinne zu fassen und knallte in einem weichnachtlichen Gefunkel auf den rechten Schlitten mit den Elchen und zwei Fliegepilzen. Im Krankenhaus sagten sie, sein Tod sei das Ende einer ganzen Kette tragischer Zufälle gewesen..

 

Weihnacht 2005  Heiner

Seine Mutter schenkte ihm zu Weihnachten ein paar neue Winterstiefel, einen Pullover, wie er ihn immer gewollt hatte, und eine warme Winterjacke.
Josef - das war der Mann, mit dem sie seit einiger Zeit lebte - schenkte ihm einen Computer mit allen Schikanen.

Eigentlich war er glücklich.

Am ersten Weihnachtstag ging er zum Bach hinunter, um seinen Freunden das alles zu zeigen. Er stand da und redete mit den Forellen, den Stichlingen und den Fröschen. Er sagte, es wäre Weihnachten und alles sei okay.
Dann rutschte er im Schlick aus, die neuen Stiefel liefen voll, sein Hintern war klatschnass, seine neue Jacke hatte einen riesigen Matschflecken. Als er nach Hause kam, schrie seine Mutter, weshalb sie denn - um Gotteswillen - alle diese teuren Sachen gekauft habe, und was er sich dabei denke.
Und Josef brüllte rum, er hätte den Computer über die Bank finanziert, und wahrscheinlich würde dieser Scheißjunge demnächst auch den Computer seinen Freunden zeigen und ihn einfach ins Wasser schmeißen. Und es wäre idiotisch für einen Sechsjährigen, solche Weihnachtssachen den Fischen und Fröschen zu erzählen - so ein hirnrissiger Scheiß.

Er ging in sein Zimmer, weinte sehr, und erzählte die ganze Geschichte der Maus, die unter seinem Bett wohnte.

 

Weihnacht 2004

Der Abgeordnete der Christlich-Sozialen Friedbert Glauben war ein fröhlicher, etwas fülliger Mann um die fünfzig. In den stillen Stunden seines Lebens äußerte er versonnen: “ich weiß, daß es nicht Mode ist, aber meine Leuchtfigur ist immer noch der Jesus, der die Todkranken zurück in das Leben rief und die Armen liebte.”
Jetzt saß er mit seinem Büroteam und seinem Medienberater zusammen - letztes trautes Treffen vor dem Heiligen Abend. Glauben murmelte sanft: “Das Jahr war lang und hart, Leute. Es hat gezeigt, daß die alten Werte der Nation verschüttet sind: Aufrichtigkeit und Demut sind verloren, Grundbegriffe der Moral und Ethik nicht mehr gültig. Die Raffkes siegen, die Gier im Volk ist unglaublich. Wir haben verlernt  zu teilen, wir haben vergessen, was Matthias Claudius sagte: So laß uns schlafen - und unsern kranken Nachbarn auch!”
“Mein Gott”, hauchte der Medienberater hingerissen “das hätte ich jetzt mitschneiden müssen. Das wäre ein Wort zur Jahreswende, ein Knüller wäre das!”
“Anna-Maria”, wandte Glauben sich an seine Sekretärin “letzte Arbeit: Die fünf Seidenteppiche für meine Frau müssen her. Schwiegertochter soll den Zweikaräter ans Öhrchen kriegen. Tochter Claudia braucht einen Scheck für die Karibik. Sohnemann soll in Gottes Namen den neuen Landrover haben.Ich schenke mir den neuen  Wintergarten mit Fußbodenheizung. Los - zack-zack!”