Wie alles begann

Gewollt, geplant, in die Zukunft gedacht, war im Grunde nichts.

Vollkommen irrational hatte ich beschlossen - das war 1984 - in der Eifel zu leben. Da eigentlich recht wenig dem Zufall überantwortet werden kann, sind bei genauem Hinsehen Wurzeln in diesem Land zu begreifen.

Meine Großmutter, Katharina Pickel mit Namen, war ein Mädchen aus Kottenheim bei Mayen, und im Jahre 1944 verbrachten wir Kinder in diesem Dorf mit meiner Mutter einen Teil des Sommers, während mein Vater in der Klöcknerhütte Osnabrück Schienen und Weichen zog, um Hitlers idiotischen Traum von der Eroberung des Ostens zu dienen.
Als ich ein Vierzehnjähriger und Sechzehnjähriger war, nahmen mein Vater und Großvater mich von Bad Breisig am Rhein aus auf Wanderungen in die Eifel mit - wobei ich mich daran erinnere, daß ich auf die Landschaft, auf Vater und Großvater fluchte, weil die nämlich durchaus 25 Kilometer am Tag machten. Ich erinnere mich aber auch an stille, heimelige Kneipen, überwältigende Landschaft und meine erste Begegnung mit einer Ringelnatter.

Vielleicht ist es eben doch kein Zufall gewesen, denn bei genauerem Hinsehen hatte ich mein ganzes Leben lang mit der Eifel zu tun - genauer gesagt mit dem Kloster Maria Laach.
Diese Basilika, dieses Kloster wachsen für mich noch heute aus der Erde, als habe der liebe Gott Architekt gespielt.
Wann immer es mir dreckig ging, führte mein Weg nach Maria Laach.
Dieser mystische Punkt war schon immer einer der ganz wenigen Orte auf dieser Welt, an denen ich Ruhe finden konnte - und zu Entschlüssen kam.

1984, als ich in Berndorf bei Hillesheim meine erste Wohnung bezog, war es ein wenig so, als kehrte ich heim, als sei ich nur vorübergehend auf Wanderschaft gewesen.

In diesem Jahr war ich an einem Lebensbruch angelangt, ich mußte herausfinden, was ich mit meinem Leben machen konnte, ich mußte sogar neu definieren, auf welchem Feld des Journalismus ich arbeiten wollte.
Eines war mir klar:
Ich konnte nicht, wie bisher, die Welt zu meinem Spielfeld machen, ich hatte die langen Reisen um den Globus satt, ich mochte das Leben in Hotels nicht mehr. Gleichzeitig wollte ich nicht mehr im festgefügten Rahmen einer Redaktion arbeiten. Ich entschied mich, Reportagen über soziale Felder zu machen, zum Beispiel über Menschen in der Psychiatrie zu schreiben, zum Beispiel über das einsame Leben alter Menschen zu berichten, zum Beispiel über Rechtsextremismus zu arbeiten, der deutlich erkennbar an deutschen Gymnasien waberte.
Ich war ein Spezialist der langen Recherchewege; nicht selten brauchte ich zur Erarbeitung eines Themenfeldes mehr als ein halbes Jahr.

Etwas spürte ich sofort:
Ich konnte im stillen Berndorf, im stillen, uralten Bauernhaus konzentriert schreiben, sehr gut nachdenken.
Die Eifel hatte mich eingefangen.

Erst vier Jahre später, also 1988, dachte ich daran, außerhalb des Journalismus zu arbeiten, Romane zu schreiben. Ich ging den ersten Eifel-Krimi mit dem Titel Eifel-Blues an, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, was sich daraus entwickeln würde.

Sehr viele meiner Leserinnen und Leser sind erstaunt, wie jemand ausgerechnet die Eifel zu einem Tatort machen kann. Im Grunde ist die Erklärung einfach:
Ich lernte die Eifel als klassische Provinz schätzen, als eine Landschaft, in der alle Verbrechen vorkommen, die aber dazu neigt, derartige Erscheinungen der Gesellschaft zu verschweigen.
Provinz verschweigt immer.
Und das war eine Herausforderung. Hinzu kommt, daß ich selbst in der Provinz lebe, weil dort die entschieden kauzigeren Typen leben, Weiblein wie Männlein.

Der Begriff Regional-Krimi ist deshalb so fatal, weil letztendlich dann auch Agatha Christie und Raymond Chandler Regional-Krimis schrieben, die eine aus dem Süden und Südwesten Englands, der andere aus dem Bereich Los Angeles.
Übertrieben formuliert könnte man sagan, daß meine Freundin Ingrid Noll Küchenkrimis schreibt, weil sie so phantastisch aufmüpfige Hausfrauen zu schildern versteht.

Ich siedelte also Baumeister, Rodenstock, Vera und Emma in der Eifel an, weil dich dort lebe, weil ich die Eifel mit all ihren Macken und Fehlern liebe.

Dort in Dreis-Brück ist mein Zuhause.

Der Ort in der Eifel, der diese Krimis am meisten gefördert, befruchtet und durch seine Stille überhaupt erst möglich gemacht hat, ist ein alter Steinbruch zwischen Berndorf und Kerpen mit dem für die meisten Menschen unverständlichen Flurnamen Weinberg.
Tatsächlich ist dort Wein angebaut worden, wenngleich der Verdacht besteht, daß er so sauer war wie der Alltag der Bauern. Viele Jahrhunderte alte Weinstockwurzeln wurden gefunden.
Es ist ein Felsrücken, dessen Ende im alten Steinbruch mündet.
Die alten Gebäude sind abgerissen, die Natur erobert sich Jahr um Jahr das von Menschen geformte Terrain zurück.
Da gibt es einen Regenteich mit Molchen und den Quappen der Glockenunken. Das Geläut der Unken an den Abenden im Mai ist ein Naturwunder, denn die Tiere sind kaum zu sehen, hocken in winzigen Löchern in den Hängen.
Es gibt Kalkmagerrasen mit seltenen Blumen, einer Enzianform, die selbst in der Eifel rar ist, mit einer Tierwelt, deren Reichtum ahnen läßt, was wir Menschen so selbstverständlich langsam und unerbittlich zerstören.
Es gibt Haselnußottern, Ringelnattern und (zumindest im Jahr 2000) auch Kreuzottern.
Seltene Vögel kommen hinzu, Eulen vor allem.

Vom alten Bauernhaus bis in dieses Paradies sind es nur zwölfhundert Meter.

Und so hockte ich unendlich viele Tage am stillen Teich und dachte darüber nach, was ich mit meinem Leben anfangen könnte, bis mir einfiel, es könnte vielleicht ein Krimi sein.

Wenn ich heutzutage auf Motiv- und Tatortsuche durch die Eifel rolle und in Kerpen meinen Steilhang des alten Steinbruchs sehe, dann kehre ich für ein paar Stunden dort ein, wo alles begann.

    Originaltext von Jacques Berndorf
    Eifel-Täter
    Grafit-Verlag Dortmund 2001

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