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Tatsache ist, daß Olli lautlos zu weinen begann und seiner Frau sagte, das Leben habe im Grunde keinen Sinn mehr, und daß er sich aus der Welt schaffen müsse mit dem alten Revolver von Opa Heinz, der aber immer noch funktioniere, und das sicherheitshalber im Keller, und so, daß die Kinder ihn nicht zufällig finden, weil sie doch kein Blut sehen könnten, und die ganze Sache auch nicht kapieren.
Seine Frau erwiderte todmüde und erschöpft: “Das mußt du jetzt wissen.” Olli ging also in den Keller, mit der Waffe von Opa Heinz, und schloß vorsichtshalber die Tür hinter sich ab. Es war ganz still im Haus.
Das passierte, als seine Frau den Tannenbaum in den Ständer einpaßte. Von diesem Moment an wartete sie auf den Schuß. Sie zitterte unentwegt, brabbelte wirres Zeug, rauchte gleichzeitig vier Zigaretten und sprach zuweilen mit Menschen, die gar nicht da waren. Sie war schroff zu den Kindern, schnauzte sie an, schrillte gar, sie sollten sich gefälligst selbst etwas zu essen machen, obwohl diese Kinder viel zu klein waren. Und auf die Frage, wo Papa denn sei, schrie sie: “Weiß ich nicht. Im Himmel, oder in der Hölle, oder dazwischen, ist doch egal.”
Sie ahnte, daß Olli das im Keller sehr ernst meinte. Er hatte vor fünf Monaten seine Arbeit verloren und ihr nichts davon gesagt. War Tag für Tag zur Arbeit gefahren, hatte die endlosen Stunden bei Therese in Nachtsheim verbracht, sich betrunken und mit ihr Liebe gespielt. Bis er sturzbesoffen am hellen Tag durch einen Vorgarten in ein Haus bretterte - ausgerechnet am Zweiten Adventssonntag. Das mit den monatlichen Raten für das Haus hatte er anfangs auch gefingert, wobei er seine Lebensversicherung für beschämend wenig Geld aufgelöst hatte. Er lieh sich hin und wieder Bares bei Leuten, die er kannte. Er hatte all diese Gelder immer seiner Frau gegeben und nicht gewußt, daß sie längst alles wußte. In dieser kleinen Welt gab es einfach keine großen Geheimnisse.
Sie zündete den Baum an, sie bescherte die Kinder, sang die alten Lieder, sie ließ sie toben und wartete auf den Schuß. Dann lagen die Kinder im Bett, dann setzte sie sich auf die Treppe neben der Kellertür und trank Rotwein aus der Flasche, bis sie einschlief. Sie wachte auf und dachte erschreckt, daß sie den Schuß möglicherweise verschlafen habe, aber das konnte nicht sein in diesem hellhörigen Haus. Am ersten Weihnachtstag gingen die Kinder frühmorgens zur Oma, und sie setzte sich wieder auf die Treppe, um auf den Schuß zu warten. Und sie sprach mit ihrem Mann, vollkommen lautlos und immer wieder, und sie weinte viel und bat ihn inständig, sich nicht zu töten, das sei doch so schrecklich nutzlos, und im Übrigen auch verdammt feige. Dann rief sie die Oma an und bat, die Kinder möchten dort bleiben, sie habe sehr viel Wichtiges zu erledigen und wolle dabei nicht gestört werden.
Dann setzte sie sich wieder auf die Treppe neben der Kellertür. Sie rechnete aus, wie weit von ihrem Mann entfernt sie lebte. Sie kam auf sieben bis acht Meter. Es mußte kalt sein dort unten und öde und trostlos, und sie fragte sich, wo er wohl saß. Vor dem Brenner neben dem Öltank? Und auf was saß er eigentlich? Ein Stuhl war da nicht, vielleicht ein Stapel Altpapier. Es war totenstill. Und er war ziemlich genau seit achtundzwanzig Stunden da unten. Er kam nach 36 Stunden hinauf, er hatte ein ganz ruhiges Gesicht. Sie nannte das immer seine Faß-mich-nicht-an Miene. Sie wählte den Mittelweg, sie sagte leicht rotweingefärbt: “Fröhliche Weihnachten, Arschloch!”
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